Sonntag, 12. Oktober 2008

In der Nacht

In der Nacht, als die einen Leute längst schlafen gegangen waren, machten sich etwa 25 lebenshungrige und mutige andere Leute auf zum Hohen Meißner. Dort entstiegen sie dem warmbehaglichen Gefährt und tauchten ein in dicken Nebel, dessen feuchte Hände sich sogleich wie ein Tuch um ihre Schultern legten.
Sie zeiten jedoch keine Scheu oder gar Angst, sondern gingen eine Symbiose ein mit dem Tropfennass: Während er sich ihrer Ängste sicher wähnte, genossen sie die klare Luft, die dem langen Weg, der vor ihnen lag, nur gut tun konnte.
Sie gingen den schlangengleichen Weg entlang, kamen über Lichtungen, auf hohe weite Ebenen, wähnten den Nachthüter des Himmels über sich und dem Nebel und sahen seltsame Gestalten am Wegesrand.
Dann, als sich der Nebel jäh lichtete sahen sie mitunter meist gar nichts. Ein absolutes Nichts um sie herum, ein dunkles Loch, eine tiefe Schwärze, die man sich in den kühnsten Träumen nicht vorstellen kann. Sie schienen gefangen im luftleeren Raum. Nur die Füße trugen sie einfach immer weiter. Strauchelten. Knickten. Stürzten. Krabbelten. Manchmal auch eilten sie.
Glücklicherweise waren sie gestärkt von einem lebensspendenden Mahl am Wegesrand bei Kerzenschein.
Trotzdem machte sich ab und an die Angst bemerkbar. Kleine Wesen verschwanden, andere wurden behauptet gesehen worden zu sein. Der Weg zog sich wie Gummi. Aus angedachten 17 km wurden auf unerklärliche Weise gefühlte 100 und reale 20-23. Es ging immer weiter über Stock und Stein, Wurzel und Geäst, durch Schlamm und Blättermassen. War anfangs noch ein lustig Lied durch die Wälder gehallt, hing man irgendwann nur noch an den eigenen Gedanken.
Endlich das Ende des Waldes! Doch damit noch lange nicht das Ende des Weges... es gingt weiter und wurde noch gefährlicher, vielleicht sogar noch schwärzer? Links die tiefe Schlucht, rechts der steile Hang und dazwischen ausgetretene Furchen, die zum feuchten Verweilen einluden. Ab und an eine plötzliche Kurve.
Das letzte Stück war das schlimmste - oder ist das immer so?
Schließlich waren sie ganz unten angekommen und damit auch auf bekanntem Wege, doch sie mussten wieder ganz hinauf, die Muskeln weigerten sich mit jedem Schritt.
Doch als sie den Ludwigstein endlich erreicht hatten, erklang wieder ein Lied durch den mittlerweile frühen Morgen.

Eine Geschichte aus dem wahren Leben, von der gestrigen
bis heute 7.00 Uhr.

Kommentare:

  1. Oh, mann! Wer kommt den auf so'ne bekloppte Idee!? Mitten in der Nacht... dunkel wie im Anus von'ner Kuh... durch den Matsch... hing mancher da eher nicht nur an den Gedanken sondern an steil aufragenden an Ästen und Wurzeln?

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  2. Ach, ich bitte Sie! Wir hatten doch keine Volldeppen dabei (außer vielleicht L.L. - die aber eigentlich bloß entfernte Ähnlichkeit hat!) - oder sollte ich mich getäuscht haben?
    Wie dem auch sei, ich muss nun dringend ins Bett...

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  3. Das klingt wirklich irgendwie gruslig. Ich war ja nie ein Freund von Nachtwanderungen, und spreche somit große Bewunderung aus!

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  4. ICH fand es ja gar nicht so gruselig und kann nur jedem empfehlen, das auch einmal auszuprobieren; es muss ja nicht gleich absolute Schwärze herrschen...
    Aber trotzdem Danke, so ein wenig Bewunderung am frühen Montagmorgen (ähh..ich hab heute frei!) tut ja schon gut ;-)

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  5. Oh, Nachtwanderungen sind doch was Herrliches. Dankeschön für den Beitrag!

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